Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
This is SunRain Plone Theme

Zwei Rezensionen zur Theateraufführung »DIE WELLE«

Hier finden Sie die Theaterkritiken von Mareike Froitzheim und Lennart Attenberger

 

Stärke durch Disziplin – Erfolgreich umgesetzt (Eine Rezension von Mareike Fortziehe)


„Stärke durch Disziplin! Stärke durch Gemeinschaft! Stärke durch Aktion!“ schallt es mehrmals durch die Aula Kritik eines Theaterabends.


Es ist totenstill in der Aula, die zuvor noch durch Schulhofgespräche belebt wurde. Ein Projektor zeigt Bilder von Ausschwitz dann ein Schuss. Man sieht wie die Gefangenen einzeln in eines der vielen Massengräber fallen. Eine beängstigende Stille breitet sich im Saal aus, welche durch das zischende Geräusch eines alten Fernsehers und das Erhellen eines Klassenzimmers erlöst wird. Diese Szene bildet den Anfang der Inszenierung des Stückes „Die Welle“ nach Reinhold Tritt, welche die Schüler und Schülerinnen des Friedrich-Ebert-Gymnasiums unter der Leitung von Thomas Vömel nach langen Proben am 12., 13. und 15. Oktober 2015 auf die Bühne gebracht haben.

Die Thematik der Welle ist schwer und doch so plausibel: Ein Lehrer startet in den 1980ern in den USA ein Experiment mit seinen Schülern, da diese nicht glauben wollen, dass ein totalitäres System heute noch möglich wäre. Daraus entsteht „Die Welle“- ein eigentlich aufklärendes Projekt, welches jedoch jeden denkbaren Unterrichtsrahmen sprengen wird und die Machtverhältnisse grundlegend ändern soll.

Die Verselbstständigung der Welle wurde auf drei verschiedenen Bühnen dargestellt, welche auch gleichzeitig bespielt wurden. Dadurch wurde der fortlaufende Prozess des Stückes aktiv deutlich, was durch den durchgängig offenen Vorhang ebenfalls verstärkt wurde.

An der Spitze der Welle steht der Lehrer Ben Ross, welcher von Lucca Riedmayer überzeugend und ausdrucksstark dargestellt wird und dessen Wandlung durch die Welle auch dank seiner Frau Christie (Jolanda Samter) eindrucksvoll skizziert wird. Allgemein ist es auffällig, wie diszipliniert und voller Freude die Schüler und Schülerinnen selbst die kleinsten Nebenrollen zum Leben erwecken – es scheint, als hätten sie den Leitspruch der Welle „Stärke durch Disziplin!“, welchen man im Laufe des Abends des öfteren hört, tatsächlich verinnerlicht.

Man merkt jedoch, dass es sich um ein Stück handelt, welches sich entwickeln muss. Nach dem bemerkenswerten Anfang folgen erst einmal einige erzählende Szenen, welche zwar durch das kreativ gestaltete Bühnenbild auch ihren Reiz haben und für die Entstehung der Welle von äußerster Wichtigkeit sind, allerdings im Vergleich zu der imposanten zweiten Hälfte des Stückes es schwer haben. Diese zweite Hälfte ist - genauso wie die Anfangssequenz- teilweise atemberaubend inszeniert und voller „Gänsehaut-Momente“. Egal, ob das aufstrebende ehemalige Mobbingopfer Robert, welches von Tim Limmer sowohl sprachlich als auch von der Darstellung überzeugend verkörpert wird, plötzlich beginnt, die Macht der Gruppe zu übernehmen, der eigentlich so ruhige Schuldirektor Owens (Lennart Attenberger) seine Meinung zu dem Projekt deutlich macht oder die ehemalige beliebte Schülerin Laurie (Mareike Froitzheim) mit allen Mitteln versucht die Bewegung zu stoppen und dabei in heftige Auseinandersetzungen mit ihrem Freund David (Arman Akkus) und ihrer besten Freundin Amy (Romy Bredow) sich begibt – den Zuschauern stockt der Atem.

Allerdings gab es auch ein paar Schwachstellen in der zweiten Hälfte, so ist besonders in den Szenen zwischen Laurie und David zu sehen, dass die Beiden häufig laufen und dies teilweise extrem schnell. Zwar ist die Wahl dieses Stillmittels verständlich, jedoch teilweise für den Zuschauer punktuell anstrengend zu betrachten.

Trotzdem herrscht auch bei diesen Szenen diese ganz besondere Atmosphäre. Diese wird auch durch das Spiel mit Licht und Schatten erzeugt, welches die Anspannung der Figuren auf der Bühne noch realer und bedrohlicher erscheinen lässt. Ebenso wird die Musik, welche die Umbaupausen verkürzt - dabei manch einen im Publikum an die eigene Jugend in den bunten 1980ern erinnert - und immer politischer zum Ende hin wird (z.B. durch Michael Jacksons „They don’t really care about us“).

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Schüler und Schülerinnen einen beeindruckenden Theaterabend auf die Beine gestellt haben, welchen man nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Inszenierung, den guten schauspielerischen Leistungen und der dadurch erzeugten Atmosphäre nicht so schnell vergessen wird bzw. kann, denn man spürt: Das Publikum verlässt das Theater nach dieser Darbietung mit einem mulmigen Gefühl.

 

 

DIE WELLE - Eine Rezension von Lennart Attenberger

 

Teacher, leave them kids alone!

Stärke durch Disziplin. Stärke durch Gemeinschaft. Stärke durch Aktion. Dies sind die drei wichtigsten Werte eines Versuches, mit dem Geschichtslehrer Ben Ross seinen Schülern zeigen will, wie leicht autoritäre Strukturen entstehen können. Reinhold Tritts Drehbuch über das 1967 außer Kontrolle geratene Schülerexperiment „The Third Wave“ in Kalifornien ist schon längst ein Klassiker im Schultheater. Viele kennen vermutlich jedoch nur die deutsche Verfilmung aus dem Jahr 2008.

Nun nahm sich einer der vielen Theaterkurse der Friedrich-Ebert-Oberschule, unter der Leitung von Thomas Vömel, diesen Stoff vor und inszenierte ein Stück, bei dem man möglicherweise hätte vergessen können, dass man im Schultheater ist, wenn man die Schule nicht ständig auf der Bühne vor sich gehabt hätte.

Dabei beschränkte sich die Aufführung nicht nur auf die Haupt- und eine zusätzliche Hinterbühne, sondern es wurde die gesamte Aula bespielt. Das Publikum war also mittendrin. Allerdings hatte jeder Zuschauerplatz seine Vor- und Nachteile, sodass niemand wirklich alles mitbekommen konnte. Dies verstärkte den Inhalt des Stückes für die Zuschauer zusätzlich.

In der ersten Hälfte des Stückes wurden Bühnen und die Gänge im Zuschauerraum auch im Dunkeln belebt, während andere Szenen auf anderen Bühnen liefen. Dadurch griffen die einzelnen Szenen ineinander über und schufen ein starkes Gefühl von positiver Aufregung und Aktion. In der zweiten Hälften blieben die nicht bespielten Bühnen meist leer, wodurch ein sehr harter Kontrast entstand.

Das Geschehen spielte im Amerika der 80er Jahre. Das Bühnenbild war dementsprechend gestaltet mit Graffiti-Sprüchen wie „Fuck the army“, einem Bild von Ronald Reagan im Büro des Direktors oder einer Schreibmaschine und Analog-Kamera im Redaktionsbüro. Während auf der Bühne umgebaut wurde, wurde zwischendurch die Stimmung des Geschehens mit Musik von David Bowie, Pink Floyd und anderen untermalt. Auch der Einsatz von Licht, Sounds und Videos trug zur Stimmung bei, kleinere Fehler taten dabei keinen Abbruch.

Alle Rollen waren sehr passend besetzt. Dass viele ihr erstes Theaterstück aufführten, fiel dabei kaum auf. Schauspielerisch hervorzuheben sind jedoch besonders Lucca Riedmayer in der Hauptrolle als Lehrer Ben Ross und Tim Limmer als Musternazi.

Nervosität und die unge-wohnte Belastung der Aufführungen sorgten dafür, dass in der zweiten und dritten Aufführung anfangs die Span-nung fehlte. Die Stimmung der Premiere im Publikum sowie auf der Bühne konnte zwar nicht reproduziert werden, die anderen Aufführungen waren jedoch qualitativ keinesfalls schlechter. Fehler auf der Bühne und in der Technik nahmen mit den Aufführungen sogar ab.

Keiner der Beteiligten hätte sich vor einen Jahr erträumt, dass Die Welle in ihrer Gesamtheit ein solcher Erfolg wird.

Artikelaktionen