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Friedrich Ebert – Parteiführer und Reichspräsident und eine nicht ganz unumstrittene historische Persönlichkeit

Noch 1980 bemerkt Peter-Christian Witt in seinem Werk über Friedrich Ebert, dass es keine wissenschaftlich fundierte Biographie über das erste demokratisch legitimierte deutsche Staatsoberhaupt gebe. Diese ist zwar inzwischen erschienen, trotzdem weist dies darauf hin, dass das Interesse an der Rolle dieses Mannes in der Geschichte eher mäßig ist, und offenbar taugt er bis heute nicht so recht als Identifikationsfigur.

Friedrich Ebert wird am 4.2.1871 als siebtes von neun Kindern einer Handwerkerfamilie in Heidelberg geboren, er ist als Badener (genau genommen Pfälzer) so wie Prinz Max von Baden, der ihm am 9.11.1918 die Regierungsgeschäfte übertrug. Er besucht die Volksschule, erlernt das Sattlerhandwerk und begibt sich als Sattlergeselle auf Wanderschaft. In dieser Zeit (1878-1890) gilt noch das Sozialistengesetz, d.h., die Sozialdemokraten dürfen nur als Wahlverein fungieren und sich ansonsten in der Öffentlichkeit nicht politisch betätigen, so ist es nicht erstaunlich, dass sein Eintritt in den Fachverein der Sattler und in die Sozialdemokratie nicht präzise dokumentiert ist. 1891 lässt sich Friedrich Ebert in Bremen nieder, wo er eine Gastwirtschaft übernimmt und seine Karriere als Parteifunktionär beginnt. In Bremen heiratet er 1894 auch die Arbeiterin Louise Rump, mit der er fünf Kinder haben wird, von denen zwei Söhne im Ersten Weltkrieg fallen. 1900 wird er bezahlter Gewerkschaftssekretär. In dieser Funktion verfasst er zusammen mit Hermann Müller eine empirische Studie zur Lage der Bremer Arbeiter, er ist somit als Sozialforscher tätig, seine Kenntnisse erwirbt er als Autodidakt. Neben seiner Tätigkeit in Gewerkschaft und Partei ist er von 1900-1905 Mitglied der Bremer Bürgerschaft, des Stadtparlaments, hier erwirbt er erste parlamentarische Erfahrungen. Die in dieser Zeit einsetzende theoretische Auseinandersetzung in der Partei zwischen Reformisten, das sind diejenigen, die den Sozialismus in einem langen Prozess mit demokratischen Wahlen einführen wollen, und den Revolutionären, die vornehmlich auf den Generalstreik als Mittel zum raschen Übergang zum Sozialismus setzen, kümmert ihn wenig, Ebert ist und bleibt auch später Pragmatiker. 1905 wird er zum Sekretär im zentralen Parteivorstand der SPD gewählt, er ist dessen jüngstes Mitglied. Diese Tätigkeit bedingt den Umzug der Familie nach Berlin.

 

In der für die SPD triumphalen Wahl von 1912 erringt er ein Reichstagsmandat für den Wahlkreis Elberfeld-Barmen, nachdem er bereits vorher dreimal vergeblich in anderen Wahlkreisen angetreten war. Nach dem Tode von August Bebel wird er auf dem Jenaer Parteitag mit 91% der Delegiertenstimmen zum Parteivorsitzenden neben Hugo Haase gewählt. Nicht alle, insbesondere der Cheftheoretiker der Partei, Karl Kautsky, sind von dieser Wahl angetan. Ebert gilt nicht als theoretische Leuchte.

 

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, stimmt die SPD-Fraktion den Kriegskrediten zu. Sie verhält sich damit nicht anders als die sozialistischen Parteien anderer Länder, die so in gleicher Weise das Ziel der sozialistischen Internationale, die Verhinderung eines imperialistischen Weltkrieges durch einen Massenstreik,“verraten“, weil sie durch eine undurchschaubare Geheimdiplomatie hinters Licht geführt worden sind. Die Frage der Kriegskredite führt 1916 zu einer Spaltung der Reichstagsfraktion und im Jahr 1917 zur Gründung der USPD. Die russische Revolution und die schlechte Versorgungslage aufgrund der Seeblockade führen trotz Kriegszustand zu innenpolitischen Spannungen, die sich 1918 in den Januarstreiks entladen. Friedrich Ebert tritt in die Streikleitung des Munitionsarbeiterstreiks ein, um ihn friedlich zu beenden, für die radikal Linke gilt er seitdem als „Arbeiterverräter“, ein Etikett, das ihm auch insbesondere für sein Verhalten in der nun folgenden Novemberrevolution angeheftet wird. Dieses Urteil prägte später nicht nur die Geschichtsschreibung der DDR, sondern auch die von westdeutschen Historikern und Publizisten wie insbesondere die von Sebastian Haffner.

 

Ebert, der schon während des Krieges für eine Demokratisierung - es ging vor allem um die Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts und die Parlamentarisierung - im Reichstag kämpfte, tritt am 3.10.1918 in die Regierung Max von Baden ein, es wird eine Verfassungsreform durchgeführt. Für Ebert ist damit ein wichtiges Ziel erreicht, eine Revolution überflüssig. Da Wilhelm II. aber nicht abdanken will, ziehen sich die Waffenstillstandverhandlungen hin und die revolutionären Ereignisse, die Revolte der Matrosen in Kiel und die sich anschließende Rätebewegung, die wie ein Lauffeuer das Land überrollt, überraschen auch Friedrich Ebert. Am 9. November übergibt Prinz Max von Baden – verfassungsrechtlich durchaus bedenklich – die Regierungsgeschäfte, aber Ebert ist nur einen Tag lang Reichskanzler, dann wird er – wieder neben Hugo Haase – zum Vorsitzendes des Rats der Volksbeauftragten gewählt, was er eigentlich gar nicht sein will, genau so wenig wie er es billigt, dass Philipp Scheidemann die Republik ausruft, er will diese Frage ganz demokratisch der Entscheidung einer Nationalversammlung überlassen.

 

Die Rolle, die Ebert nun bis zum Zusammentritt dieser Nationalversammlung in Weimar spielt, wird von den Historikern bis auf den heutigen Tag kontrovers gesehen. Die eine Seite sieht Ebert als den Konkursverwalter des Kaiserreichs, der in einer Zeit des drohenden Bürgerkriegs und möglicher Besetzung durch die Alliierten das Schlimmste verhindert und gleichzeitig die Demokratie auf den Weg gebracht hat (Frauenwahlrecht!), dies jedoch um den Preis einer Zusammenarbeit mit den alten Eliten (Oberste Heeresleitung, Beamtenschaft), die auch in der Weimarer Republik an der Macht blieben. Die andere Seite wirft ihm vor, den gemäßigten Charakter der Rätebewegung verkannt, sie nicht in die neue Demokratie integriert und damit die historische Chance eines „dritten Weges“ vertan zu haben. Hintergrund für dieses Verhalten soll sein Verhaftetsein im Ordnungsdenken, eine geradezu paranoide Bolschewistenfurcht und eine gewisse politische Phantasielosigkeit gewesen sein. Eberts Haltung gegenüber einer raschen militärischen Strukturreform hat in der Tat gleich zu Beginn der Weimarer Republik ein Problem geschaffen, dem die junge Republik 1920 (Kapp-Putsch) beinahe zum Opfer gefallen wäre: Die zur Niederschlagung der Januarunruhen ins Leben gerufenen Freikorps, aus deren Reihen die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kamen, bilden den Bodensatz, aus dem die braune Bewegung hervorgehen sollte.

 

Am 6. Februar 1919 tritt die Nationalversammlung in Weimar zusammen und wählt am 11.Februar Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten. Obwohl die Weimarer Reichsverfassung eine Volkswahl des Präsidenten vorsieht, wird Ebert auch später nicht vom Volk gewählt, im Oktober 1922 wird seine Amtszeit per Reichstagsbeschluss aufgrund der schwierigen politischen Lage der Republik bis zum 30. Juni 1925 verlängert.

 

Ebert tritt als Reichspräsident ein schweres Erbe an, nach einer Zeit der kaiserlichen Repräsentation mit Uniformen und Ordensgepränge muss er in einer Republik, die von vielen vor allem wegen des Versailler Friedensvertrages nicht geliebt wird, dem Amt Würde verleihen. Er ist das erste zivile Staatsoberhaupt Deutschlands, ihm verdanken wir die Einführung des Deutschlandliedes anlässlich des Verfassungstages am 11.8.1922. Ebert mischt sich zwar ganz selbstverständlich in das schwierige politische Tagesgeschehen ein, er versteht sich aber grundsätzlich eher als einer, der zwischen der gemäßigten Arbeiterbewegung und dem Bürgertum vermitteln will, seine Erfahrungen mit den undemokratischen Strukturen des Kaiserreichs sind die Basis dafür, dass er andere überzeugen will, er will ihnen seine Gesinnung nicht aufzwingen. Seit den Januarunruhen (üblicherweise Spartacusaufstand genannt) ist er für die Kommunisten der Verräter an der Sache des Sozialismus, aber auch in seiner eigenen Partei ist er wegen einiger Entscheidungen nicht unumstritten. Im Übrigen wollte Ebert, dass der Prozess gegen die Mörder von Liebknecht und Luxemburg neu aufgerollt werden sollte, er fügte sich jedoch der Koalitionsdisziplin.

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das Ebert-Portrait im Foyer

 

Dass er als Reichspräsident nicht mehr Beliebtheit erlangt, liegt sicherlich unter anderem daran, dass er nicht über einen modernen Beraterstab verfügte, der vielleicht verhindert hätte, dass er sich als Reichspräsident im Badekostüm fotografieren ließ, zum Anderen aber auch daran, dass er von Anfang an von rechts und links mit Spott und Häme, vor allem in der politischen Karikatur bedacht wird. Ebert wird vor allem aber Opfer der Dolchstoßlegende, die u.a. sein Nachfolger Hindenburg in die Welt setzen sollte und die besagte, dass der Erste Weltkrieg noch gewonnen hätte werden können, wenn nicht die Vorgänge, die zur Novemberrevolution führten, die deutsche Armee „von hinten erdolcht hätten“. Als Reichspräsident wird er mehr als 170 mal verleumdet, er muss sich gerichtlich dagegen zur Wehr setzen, ein Landesverräter zu sein, daran ist er schließlich auch gestorben. Wegen des Urteils im sogenannten Magdeburger Prozess geht er in Berufung und verschiebt eine lebensrettende Blinddarmoperation. Er stirbt mit 54 Jahren, begraben wird er in Heidelberg, die Trauerfeier in Berlin wird zum Massenereignis.

 

Zum Schluss möge ein Grußwort des zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler anlässlich einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum 80. Todestag stehen:

 

Er (Ebert) ist Leitbild für einen glaubwürdigen Politiker, der sich auch als Reichspräsident als Diener des Volkes verstand. Er verabscheute jegliches Aufheben um seine Person und pflegt einen einfachen und bescheidenen Repräsentationsstil. Zeitzeuge Thomas Mann sprach von schlichter Würde und gelassener Vernunft. Positive Eigenschaften, die uns auch heute noch als Vorbild dienen können.“

Silvia Minderlein, Fachbereichsleiterin Gesellschaftswissenschaften an der FEO

 

 

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