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Abiturzeugnisverleihung 2011

Frau Aurichs Rede

Aufgrund der immer wieder auftretenden Nachfrage von Abiturienten des letzen Jahres stellen wir jetzt endlich Frau Aurichs Abiturrede ins Netz.

 

Liebe Eltern, liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, und endlich: liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

Ich freue mich sehr, heute hier anlässlich eures Abiturs zu reden. Für diesen Anlass habe ich ein Thema ausgewählt, das euch hoffentlich im Sinne des Wortes zu denken gibt, das ihr mitnehmen könnt in euer Leben und das euch als kleineres oder größeres Gepäck begleiten kann. Die Rede handelt von Verantwortung.

 

Was macht eine Schülerin oder ein Schüler, wenn sie oder er sich einem Thema nähert? Googeln und Wikipedia bemühen. Dort findet sich folgende Definition:

 

Zitat Anfang:

„Verantwortung bedeutet, die Folgen zu tragen für eigene oder fremde Handlungen. ... , bereit und fähig zu sein, später Antwort auf mögliche Fragen zu deren Folgen zu geben. ... dafür Sorge zu tragen, dass die Entwicklung des Verantwortungsbereichs im gewünschten Rahmen verläuft.“

Zitat Ende.

 

Das ist nun sehr allgemein, nicht wahr? Was ist der „gewünschte Rahmen“?

 

Aus meiner Sicht sind wir insbesondere für den gesellschaftlichen Rahmen, für die gesellschaftlichen Umstände verantwortlich, in denen wir leben. Wir haben also Verantwortung für uns und für andere. Wir sind dafür verantwortlich, wie es uns geht und was wir tun, ja, das ist schon schwer genug, das zu akzeptieren und nicht auf andere zu verweisen, die Schuld sind, die Verantwortung also wegzuschieben.

 

Da sind aber auch andere, die unsere Unterstützung brauchen, der Freund, die Großmutter, der neben uns in der U-Bahn, der angemacht wird, da ist das Fest, das mitorganisiert werden muss, die Demo, auf die wir gehen könnten.

 

Ihr wart jetzt lange Jahre in einer Institution, die euch auf euer weiteres Leben in der Gesellschaft vorbereiten sollte, also auch darauf, Verantwortung zu übernehmen. Hat diese Schule, die Friedrich-Ebert-Oberschule das gemacht?

 

Denn Verantwortung ist eigentlich nichts, was man in der Schule lehren kann. Sie lässt sich nicht wie normaler Unterrichtsstoff vermitteln. Vielleicht habt ihr in Ethik oder Philosophie darüber gesprochen. Vielleicht habt ihr in Politik oder Chemie aber z.B. über Wasser gesprochen. Das ist nicht nur H2O, sondern auch ein knappes Gut, das vielen nicht zur Verfügung steht, um das es Konflikte gibt. Wissen um Wasser ist daher nicht neutral oder wertfrei, dieses Wissen muss verantwortlich genutzt werden. Insofern habt ihr in dieser Schule Wissen erworben, das es nun gilt, verantwortungsbewusst umzusetzen und anzuwenden, für euch wie für andere.

 

Verantwortung ist aber nicht nur Schulstoff, sie entwickelt sich bei jedem erst durch Ausprobieren, durch Tun, durch das Handeln.

 

Dafür hat diese Schule euch Regeln vorgegeben, einen Rahmen, in dem ihr individuell verantwortlich handeln, einen Handlungsspielraum, in dem ihr euch ausprobieren konntet. Viele von euch sind hier aktiv geworden:

 

Ihr habt Verantwortung für einen Mitschüler übernommen, dem ihr geholfen habt, den ihr abschreiben ließet, ihr habt Verantwortung für Jüngere als Paten, ihr habt Verantwortung für ein ganzes Projekt übernommen, das ihr mit auf die Bühne gebracht habt. Skeptisch und kritisch habt ihr euch gegenüber den Autoritäten verhalten, der Lehrerin gegenüber, mit der ihr euch auseinandersetzen musstet. Meinungen, die euch vorgesetzt wurden, habt ihr – natürlich - kritisch geprüft. Ihr habt – hoffentlich - nicht gehorcht, wenn nur Gehorsam verlangt wurde.

 

Und hier bin ich nun bei einer Bedingung von Verantwortung: Verantwortung setzt Urteilskraft, das Gefühl für Gerechtigkeit und Solidarität voraus. Ich bin mir sicher, dass eure Urteilskraft in eurer Schulzeit enorm gewachsen ist.

 

Dabei ist es nicht leicht, Verantwortung zu übernehmen, das wird schon deutlich in Formulierungen wie „Verantwortung tragen“ oder „Verantwortung schultern“. Verantwortung ist ein Gepäck, leichtes für die einen, schwereres für die anderen. Ja, einigen von euch macht es sogar Spaß, Verantwortung zu tragen.

 

Hier in der Schule ist euch zu oft Verantwortung abgenommen worden, immer noch ist Schule eine tendenziell hierarchische Institution. Zu viel geschieht angeordnet von oben oder von vorne. Schule macht immer noch viel zu oft Freiräume zu, schließt Türen, verhindert Möglichkeiten. Aber sie vermag auch viele Türen zu öffnen, Raum zu bieten für Entwicklung, Entfaltung und Verantwortung.

 

Dies zur Schule. Die ist für euch vorbei. Endlich.

 

Und nun müsst ihr stärker Verantwortung für eurer eigenes Handeln übernehmen.

 

Dabei gilt für mich an erster Stelle: Ihr allein seid verantwortlich für das, was ihr tut. Es ist leicht und verführerisch Verantwortung abzuschieben: an vermeintlich anonyme Anordnungen und Reglungen, an eine Religion, an Strukturen, an denen man angeblich nichts ändern kann.

 

Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, will sagen: Ich kann für nichts, ich wurschtele mich so durch und verstecke mich hinter dem breiten Rücken eines anderen. Oder ich entscheide mich für den Rückzug ins Private. Dies aber das reicht nicht, anderes ist zu bedenken, worüber ich schon gesprochen habe.

 

Das Nicht-Tun ist auch eine Entscheidung, für die ihr verantwortlich seid. Das Nicht-Tun hat auch Konsequenzen, die auf euch zurückfallen. Euer beruflicher und privater Werdegang wird wesentlich davon abhängen, was IHR TUT– oder unterlasst. Niemand nimmt euch also die Verantwortung ab.

 

Ihr hattet gute Voraussetzungen, Verantwortung zu lernen: ein Elternhaus, das an euch interessiert war, das euch vielfältig und frühzeitig angeregt, eure Begabungen gefördert hat. Ihr hattet keine elementare materielle Not, ihr wart beschützt. Ihr habt eine Schule besucht, in der ihr kulturelle Vielfalt kennenlernen konntet, die euch – zumeist - akzeptable Lernbedingungen bot.

 

Das ist ein Privileg, das ihr gut genutzt habt. Schaut selbstbewusst auf das, was ihr geleistet habt, - für Selbstzufriedenheit und Arroganz anderen gegenüber aber besteht kein Anlass.

 

Viele haben nicht diese Chance bekommen, weil sie gänzlich andere Voraussetzungen hatten als ihr. Aus dem Bewusstsein eures Glücks, aus eurer Freude kann Solidarität entspringen, Solidarität mit dem Schwächeren neben euch.

 

Bedenkt aber auch, dass der Begriff der Verantwortung oftmals missbraucht wird. Im neoliberalen Mainstream wird ja gerne der Selbst- und Eigenverantwortung das Wort geredet, übrigens besonders gerne von denen, die hinsichtlich ihrer Ausbildung privilegiert sind, die auch durch eigenen Verdienst, besonders aber durch Beziehungen oder Verwandtschaft materiell und gesellschaftlich gut abgesichert sind.

 

Die Übertragung von Verantwortung auf andere, auf Schwächere dient oftmals nicht dazu, mehr Gestaltungsspielräume für jeden einzelnen zu schaffen, sondern der Abschiebung von Verantwortung durch die eigentlich Verantwortlichen.

 

Die Folge ist eine gesellschaftliche Entsolidarisierung, die sozialen Ausgleich unmöglich macht und den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.

 

Ihr werdet mehr Verantwortung tragen, ja.

 

Ihr könnt aber auch Verantwortung euch gegenüber erwarten. Deshalb fordere ich euch auf: Seid skeptisch, prüft und empört euch, wenn Verantwortung verwehrt wird, wenn die, die beauftragt sind zu handeln, dies nicht verantwortlich tun, wenn mit eurer Zukunft nachlässig umgegangen wird, wenn z.B. eure Ausbildungsmöglichkeiten beschnitten werden, wenn nur eure Arbeitskraft und nicht ihr als Menschen gesehen werdet.

 

Somit werdet ihr heute aus der Schule, nicht jedoch aus der Verantwortung entlassen.

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

 

Ich gratuliere euch herzlich zum bestandenen Abitur und wünsche euch alles Gute. Und: Handelt verantwortlich und erwartet dies auch von anderen.

 

Vielen Dank.

  

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Rede zur Abiturfeier an der Friedrich-Ebert-Oberschule am 24.6.2011 von Monika Aurich

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